Auf der Suche nach einem „mächtigen Konsens“ in den Pflegeberufen!?

Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten Herdecke, hat sich in den aktuellen Mitteilungen „DBfK-Aktuell/469, in Die Schwester/Der Pfleger 05/2009“ in einem kurzen Beitrag unter dem Tenor „Eid für beruflich Pflegende?“ einer erkennbar spannenden Frage gewidmet, die zu beantworten sicherlich nicht leicht fällt und im Übrigen aber auf fruchtbaren Boden etwa der Pflegeberufsverbände fallen dürfte. 

In dem Kurzbeitrag sind alle Berufenen dazu aufgerufen worden, hierzu ihre Gedanken an mitzuteilen und wir dürfen gespannt sein, wie die Reaktion ausfallen wird. 

„Noch ist vieles unklar“, so Zegelin und dem wird man/frau wohl vorbehaltlos zustimmen können. 

Auch wenn die Professionalisierung noch nicht abgeschlossen ist, so erreichen doch die Emanzipationsbestrebungen der Pflegeberufe (zumindest aber die der Berufsverbände) eine neue Qualität: Die Pflege sieht sich in und auf gleicher „Augenhöhe“ mit der Ärzteschaft und es gilt nunmehr, sich endgültig dem ärztlichen Diktat der heilkundlichen Bevormundung zu entziehen. Wir verabschieden uns in Teilen vom Nightingaleschen Gelübde: „In Treue will ich danach streben, dem Arzte in seiner Arbeit zu helfen, und mich ganz einsetzen für das Wohl derer, die meiner Pflege anvertraut sind“ und kämpfen fortan auf dem krisengeschüttelten Gesundheitsmarkt um ein eigenständiges Terrain.  

Der Aufstieg in der allgemeinen Professionalisierungsskala gelungen, die alten Fehden auf den Stationen zwischen den Ärzten und den Pflegenden vergessen und ein neues Zeitalter in der Pflege angebrochen zu sein.  

Die nunmehr emanzipierte „Schwester Florence“ hat sich mit Erfolg den patriarchalischen Strukturen entzogen und wird sich vielleicht künftig den intraprofessionellen Machtgelüsten einzelner Pflegender in besonders hervorgehobenen Managementpositionen zu erwehren haben. Das „Pflegebett auf der Zugspitze“ symbolisiert gleichsam den Beobachtern aus der Ferne, dass die Pflege dort angekommen ist, wo diese gleichsam hin wollte.

Der mühselige Weg der Emanzipation hat endlich sein Ziel gefunden und nun schickt sie sich an, einen „Eid“ auf den Weg zu bringen. 

Ob es gelingt, hier einen „mächtigen Konsens“ zustande zu bringen, ist nunmehr nicht nur eine fachliche Frage, sondern die insbesondere von der Pflege internalisierten Werte der bürgerlichen Ideologie, etwa Sittlichkeit, Demut, Gehorsam, Hingabe, Selbstlosigkeit, werden im intraprofessionellen Raum fruchtbar gemacht werden müssen, um so die neue Parallelstruktur gegenüber den Ärzten mit einem eigenen „Eid“ absichern zu können.

Die tradierte bürgerliche Ideologie dürfte unverhohlen ihre Wirkung zeigen: Frau und Mann sorgen sich um die Patienten, um die Qualität der Pflege und damit um eine patientensichere Versorgung im Allgemeinen und Besonderen. Eherne Ziele, die nicht ohne Folgen für das Pflegeteam bleiben werden. Das Gelübde der ohne Frage verdienstvollen Florence Nightingale muss in der Tat umgeschrieben werden: „In Treue will ich danach streben, der Pflegedienst- und Stationsleitung in ihrer Arbeit zu helfen, und mich ganz einsetzen für das Wohl derer, die meiner Pflege anvertraut sind“. „Ich entsage und befreie mich im Übrigen vom Fachvorbehalt des Arztes und seinem Diktat und ich gelobe, in Demut den Stellungnahmen und Weisungen der für mich zuständigen Pflegekammer zu folgen und mich jeglicher Kritik auch gegenüber meinen mit einem Fachvorbehalt ausgestatteten Vorgesetzten zu enthalten.“

Spätestens an dieser Stelle regt sich bei ihnen als Leserinnen und Leser der Unmut und ich gestehe bereitwillig, nicht ganz zu Unrecht. Gewollte Provokation?  

Ja – durchaus. Auch wenn Zegelin selbst zur Erkenntnis gelangt, dass ein einmaliges Gelöbnis nicht vor Verfehlungen schützt und im Übrigen die Vergangenheit gezeigt habe, dass eine ausdrückliche Verpflichtung auch Schutz bewirken kann, verbleibt es wohl in erster Linie dabei, dass der künftig im Zweifel zu leistende „Eid“ sich zu einem probaten Mittel „ethischer Grunderziehung“ entwickeln wird. Hier hätte ein Seitenblick auf die Ärzteschaft riskiert werden sollen, die gerade mit dem „Eid des Hippokrates“ derzeit in ethischen Grundsatzdebatten auf Kurs gehalten werden soll und zwar durch – was nicht verwundert – durch ihre „eigenen“ Selbstverwaltungskörperschaften. 

Nun – wir bleiben dran an dem Thema und verfolgen hierzu die Reaktionen aus der Pflege.

1 Antwort auf “Auf der Suche nach einem „mächtigen Konsens“ in den Pflegeberufen!?”

  1. QMGH sagt:

    Medizingeschichte ist unmodern - aus dem Studienkanon fast verschwunden; Geschichte der Heilberufe (auch der Pflege) scheint genauso unmodern zu sein. Das führt bis zu einer “Geschichts- und Gesichtslosigkeit”. Medizinhistorisch ist der hippokratische Eid nur eine unter vielen Selbstverpflichtungen des Gesundheitswesens. Seidler hat das bereits 1979 festgestellt. Es ist mittlerweile nur noch ärgerlich, wenn dieser Eid immer noch die 2008er Revision des Genfer Ärztegelöbnis, das übrigens auch Bestandteil der MBO ist (nicht der Hippokratische Eid!)aus dem Bewußtsein verdrängt. Selbstverpflichtungen, das wissen wir aus der Organisationspsychologie, erhöhen die Verbindlichkeit moralischer Regeln innerhalb von Institutionen. Aber statt Abgrenzungspolitik der einzelnen Berufsgruppen untereinander sollte überlegt werden, ob es nicht hoch an der Zeit ist, über Selbstverpflichtungen oder einen “Ethik-Kodex” der Gesundheitsfachberufe (von Ärzten über Pflege bis zu therapeutischen Berufen wie Logopäden, Ergotherapeuten)nachzudenken. Ethik im Gesundheitswesen spielt sich in unseren Köpfen ab: und das nicht nur in den Köpfen der Pflegenden, Ärzten oder Therapeuten alleine, sondern auch in der Zusammenarbeit.

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